Mehring
 

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(c) Dittmar Lauer,  letzte Änderung: 16. April  2004



 
 
 
...und ist nicht einmal ein Kind auf der Reise gestorben
Die Neu-Mehringer Kollektivauswanderung nach Wisconsin 1852

Dittmar Lauer
 

Das Jahr 2002 wird man in der Moselgemeinde Mehring als das Jahr der Jubiläen in Erinnerung behalten. Höhepunkt und Auftakt einer Serie von Gründungsfeiern und Gedenktagen ist sicherlich der Festabend zur 1250-Jahr-Feier der Gemeinde gewesen, mit dem an die Ersterwähnung Mehrings in einer Schenkungsurkunde König Pippins des Jüngeren zugunsten des karolingischen Hausklosters und der späteren Reichsabtei Prüm im Jahre752 erinnert werden sollte.
Vor lauter Jubiläen aber darf man einen Jahrestag nicht vergessen, der mehr zum ernsthaften Gedenken denn zu fröhlichen Feiern Anlass gibt: den 13. Oktober 1852. An diesem denk- und merkwürdigen Tage vor 150 Jahren nämlich verließen über 90 Mehringer - oder besser Neu-Mehringer - Männer, Frauen und Kinder ihre angestammte Heimat und traten den gefahrvollen Weg in eine neue Welt an.
Über den Reiseweg der Neu-Mehringer, die nach dem großen Dorfbrand 1840 auf den Hochwaldhöhen des Mehringer Berges jenseits der Mosel – zwar auf Mehringer Bann, doch weit entfernt von der Muttergemeinde – angesiedelt worden waren, sind wir gut unterrichtet durch den Bericht des damaligen Bürgermeisters Johann Gabriel Weis, der die Auswanderer bis nach Liverpool begleitete. Weis hatte zuvor auch die Bedingungen mit den Kolonisten auf dem Mehringer Berg ausgehandelt, unter denen sie sich zur Aufgabe ihrer noch jungen Ansiedlung und zur Auswanderung nach Nordamerika bereit fanden, war bei den Abfindungs- und Verkaufsverhandlungen behilflich und konnte den Mehringer Gemeinderat zu einer Geldaufnahme bei einem Koblenzer Agenten und Makler bewegen zur Abdeckung der Reise- und Verpflegungskosten und eines Startkapitals von 300 Talern, das den Aussiedlern in Amerika ausgezahlt werden sollte.
In den frühen Morgenstunden des 13. Oktobers 1852 steigen die Neu-Mehringer mit ihrem knappen Gepäck still und nachdenklich den Berg hinab an die Mosel, wo sie der 1841 in Betrieb genommene Dampfer Mosella aufnimmt. Die Glocken der St. Medarduskirche läuten. Die nächsten Verwandten sind zum Abschiednehmen mit der Fähre auf die rechte Moselseite herüber gekommen, zahlreiche Mehringer winken von der Dorfseite her dem Schiff mit weißen Tüchern nach.
In Koblenz werden die Auswanderer in guten und billigen Wirtshäusern untergebracht, ehe die Reise auf einem niederländischen Dampfboot bis nach Rotterdam fortgesetzt wird. Es ist Kaisers Geburtstag, als die Neu-Mehringer mit aufgehißter Nationalflagge anlanden und wohlgemut das Nationallied ‚Heil Dir im Siegerkranz’ singen.
Mit dem Dreimastenschraubenboot Schwanband unter einem englischen Kapitän geht die Reise weiter über den Ärmelkanal bis in den englischen Hafen Grimsby, anderntags von dort aus mit der Eisenbahn direkt nach Liverpool, der letzten Station auf europäischem Boden. Die Abreise verzögert sich um zwei Tage, weil das zunächst vorgesehene Dampfschiff überfüllt ist und man das Angebot, die Neu-Mehringer auf zwei verschiedene Schiffe einzufrachten, nicht für gut befindet. Lieber wartet man auf das nächste Schiff.
Den unfreiwilligen Aufenthalt in Liverpool nutzen die Neu-Mehringer, um sich von den Strapazen der bisherigen Reise etwas zu erholen und sich mit notwendigem Kochgeschirr, Bettzeug und anderen nützlichen Dingen, welches vielen noch mangelt anzuschaffen. Bürgermeister Weis inspiziert den für die Überfahrt bereitstehenden Dampfer Tyrell, der erst vor kurzem in Dienst gestellt worden und sehr geräumig ist, bekümmert sich um die Beschaffung des Zusatzproviants und stattet die Familien mit den erforderlichen Finanzmitteln aus, die er nach laufenden Course in amerikanisches Geld auszahlt, schafft den Zusatzproviant für die Überfahrt bei und erstellt genaue Preisvergleiche der Eisenbahnverbindungen in Amerika, so dass sie auch in dieser Beziehung von Übervortheilungen und Prellerein gesichert sind.
Am 23. Oktober 1852 besteigen die Neu-Mehringer das unter Kapitän Elliot stehende 943 Registertonnen schwere Dampfschiff Tyrell, zwei Tage später legt das Schiff ab. Die Neu-Mehringer und ihre Mitreisenden, vor allem irische Auswanderer, nutzen die Gelegenheit, sich auf dem Schiff einzurichten und nach Möglichkeit bequem zu machen. Nach einer Schiffsreise von 29 Tagen sind die insgesamt 330 Passagiere glücklich in Boston gelandet und ist nicht einmal ein Kind auf der Reise gestorben.
Von Boston aus fahren die Neu-Mehringer geschlossen mit der Eisenbahn etwa 200 Meilen ins Landesinnere nach Albany, der Hauptstadt des Staates New York. Ihr Ziel ist von Anfang der seit dem Jahre 1848 als 30. Bundesland in die Union aufgenommene Staat Wisconsin gewesen. Wisconsin erlebte in seiner Geschichte drei große Haupteinwanderungswellen, die erste 1848-1855 mit nahezu 940.000 Einwanderern vornehmlich aus dem südwestlichen Deutschland und zwar fast zu 97% aus dem preußischen Rheinland – wozu ja auch das Trierer Land gehörte – der Pfalz, aus Baden, Württemberg und Bayern.
Der rund 1.500 Meilen weite Zug durch die Bundesstaaten New York, Pennsylvania, Ohio, Indiana, Illinois nach Wisconsin bringen die Neu-Mehringer Auswanderer teilweise mit der Eisenbahn hinter sich, teilweise schließen sie sich einem Treck mit ortskundigen Führern an. Als Zielort darf man die im südlichen Wisconsin gelegene Hauptstadt Madison vermuten, von wo aus sich die Moselaner weiter ins Landesinnere begeben, wo sie an den verschiedensten Orten mit dem Aufbau einer neuen Existenz beginnen, wobei ihnen das von der Gemeinde Mehring zugestandene Startkapital in Höhe von 300 Taler sicher sehr nützlich ist.
Seit 1852, kurz vor der Ankunft in Wisconsin, ist dort eine Commission of Immigration installiert worden, die nicht nur die aktiven Anstrengungen, deutsche Einwanderer zu gewinnen, unterstützt, sondern diese auch bei ihren anfänglichen Anpassungsschwierigkeiten beratend begleitet. So möchte man annehmen, dass unsere Neu-Mehringer in ihrer neuen Heimat das Glück gefunden haben, das sie sich bei ihrer Abreise aus der alten Heimat ersehnt haben.
Es dauert nun 125 Jahre, bis ein erster Kontakt zustande kommt zu Nachfahren der Neu-Mehringer Auswanderer, als ein Mister William Martin, Geschäftsmann und Stadtrat in Covington in Kentucky dem damaligen Ortsbürgermeister Matthias Weber einen Besuch in Mehring ankündigt. Martin ist bei der Suche nach seinen deutschen Vorfahren in einem amerikanischen Archiv fündig geworden, indem er auf eine Arbeit des verdienstvollen Auswandererforschers Josef Mergen mit dem Titel The Founding of the Colony of Neu-Mehring stieß und hat auch eine Kopie der Passagierliste vom 29. November 1852 besorgt, in der die Namen der 330 irischen und deutschen Auswanderer bzw. Einwanderer enthalten sind – mit Angabe des jeweiligen Alters der Männer, Frauen und Kinder. So konnte die bis dahin nur ungefähre Anzahl der von Neu-Mehring Ausgewanderten ermittelt werden – 19 Familien mit 18 Männern, 19 Frauen mit zusammen 55 Kindern, die Hälfte unter 10 Jahren und die jüngsten noch im Säuglingsalter.
Unter den Kindern ist auch der direkte Vorfahre des William Martin gewesen, der damals vierjährige Matthias Felten, der mit seinen Eltern Georg Felten und Irmina geb. Ensch verw. Olinger und den vier Geschwistern Johann, Juliane, Susanne und Christina ausgewandert ist.
Bei seinem Besuch in Mehring im Juni 1977 – vor 25 Jahren also – zeigte sich William Martin sichtlich betroffen über die spärlichen Überreste der ehemaligen Kolonie Neu-Mehring und dass nichts daran erinnere, dass hier einmal ein ganzes Dorf gestanden habe, dessen Einwohner aus purer Not die Reise in eine ungewisse Zukunft antreten mussten.
Unter den Neu-Mehringer Auswanderern finden sich die Familiennamen Bohr, Jakobs, Lentes, Mai und Spieles ebenso wie heute noch in Wisconsin und anderen Bundesstaaten. Es wäre nun eine nicht nur reizvolle, sondern auch verdienstvolle Arbeit, über die in neuester Zeit angeknüpften Kontakte hinaus – wobei die neuen Kommunikationsmittel sehr behilflich sein können - die Spuren der Neu-Mehringer Auswanderer in ihrer neuen Heimat zu verfolgen und die Schicksale der einzelnen Familien und ihrer Nachkommen nachzuzeichnen. Die in jüngster Zeit in dieser Richtung geführte Korrespondenz mit Douglas J. Spieles, Assistant Professor of Environmental Science, weckt Hoffnung und böte eine Chance, den Neu-Mehringer Nachfahren in Amerika ein korrekteres Bild ihrer deutschen Vorfahren zu vermittelt als es teilweise in der heimatkundlichen, aber auch wissenschaftlichen Literatur zu lesen ist.
Wenn in einer Arbeit über soziale Isolate und vagierende und antisoziale Elemente im Mosel-Saar-Nahe-Raum unter Berufung auf einen Gewährsmann berichtet wird, dass die Gemeinde Mehring die Siedlung Neu-Mehring angelegt habe, um unangenehme Menschen auszusiedeln, was aber mißlungen sei, so entspricht das zwar in etwa einem schon oft zu Ohren gekommenen Klischee, korrespondiert aber nicht mit den historischen Tatsachen und ist völlig aus dem zeitgeschichtlichen Kontext gerissen.
Schon seit 1816 – also unmittelbar nach der Zuteilung der ehemals zum französischen Kaiserreich gehörenden Mosellande an das Königreich Preußen – versuchte man entbehrliche Forst- und Domänengrundstücke, aber auch schlecht oder gar nicht benutzte Gemeindeflächen mit aussiedlungswilligen Bauern zu bevölkern im Sinne einer inneren Kolonisation. Man wollte damit der immer stärker einsetzenden Auswanderung – damals vor allem nach Polen – entgegen wirken und den allgemeinen Wohlstand heben. Wenn diese Bemühungen um eine innere Kolonisation im allgemeinen mehr oder weniger erfolglos verliefen, so blieb der Gedanke dennoch wach und wurde punktuell weiterverfolgt. So auch in Mehring, als am 4. Juni 1830 der Schöffenrat dem Landrat Josef Gustav Perger ein umfangreiches und ausführliches Gutachten über die Verteilung der auf dem Mehringer Berg nur umständlich zu bewirtschaftenden Flächen für 50 Familien vorlegt, die den Ort Mehring freiwillig verlassen wollen, um sich dort eine neue bäuerliche Existenz aufzubauen.
Es dauert zwei Jahre, bis die geplante Neugründung auf dem Mehringer Berg die behördliche Zustimmung findet und bereits einige Wochen später legt der Mehringer Bürgermeister einen von ihm ausgearbeiteten Vertragsentwurf vor, der in 20 Artikeln die Verteilung der Wildländereien an die aus- und umsiedlungswilligen Dorfbewohner im Detail regelt, wobei die Forderung der Regierung berücksichtigt wird, daß bei Erbauung der Wohnhäuser ein regelmäßiger Plan verfolgt wird, allenfalls eine doppelte Reihe von Wohnungen durch eine wenigstens 36 Schuh breite Straße von einander getrennt angelegt und die zur künftigen Erbauung einer Kirche, eines Schul- und Gemeindehauses, auch einer Pfarrkirche nötigen Räume in der Mitte des Dorfes vorbehalten werden müssen.
Bis es aber zur Durchführung der vorgesehenen Neugründung eines Dorfes auf dem Mehringer Berg kommt, vergehen die Jahre und es muss offen bleiben, ob diese Kolonisation je realisiert worden wäre, wenn nicht der katastrophale Dorfbrand am 8. Juni 1840 Fakten geschaffen hätte, die zu einer beschleunigten Umsiedlung der brandgeschädigten Dorfbewohner zwang. Bei dem Brand sind 39 Wohnhäuser und 117 Scheunen, Stallungen, Schuppen und sonstige Nebengebäude in Schutt und Asche gelegt worden – fast jeder fünfte Gemeindeberechtigte war von dem Unglück betroffen.
Schon Anfang August 1840 werden die Baustellen und die dazugehörigen Äcker, Gärten und Wiesen an die 22 vom Brand betroffenen Familien verlost. Unter den Familien sind auch einige, die schon acht Jahre zuvor zur Umsiedlung bereit waren – u.a. die Familien Nikolaus Lentes, Karl Mai und Peter Müller. Mit Order vom 26. Juni 1841 trifft die Genehmigung zur Gründung einer neuen Colonie unter dem Namen Neu-Mehring mit eigenen Gemeinderechten ein – ausgestellt in Sans-souci, unterzeichnet von König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen.
Dass die Gründung von Neu-Mehring von Anfang an unter keinem günstigen Stern steht, ist nicht den Aussiedlern anzurechnen. Es zeigt sich bald, dass die zugeteilten Acker- und Gartenflächen zu klein parzelliert sind. Die dörflichen Infrastrukturmaßnahmen kommen nicht voran und man trägt sich mit dem Gedanken einer Zusammenführung mit der nahe gelegenen Gemeinde Lorscheid, was dort aber auf heftigen Widerstand stößt. Die immer kritischer werdenden schulischen und kirchlichen Verhältnisse, die andauernde Not und Bedürftigkeit der Aussiedler und die damit verbundene Aussichtslosigkeit schaffen im Laufe der Jahre ein Klima der Isolation und das Gefühl des Ausgestoßenseins macht sich breit. Als man dann noch in Konflikt mit den preußischen Polizeibehörden kommt – Wild- und Holzfrevel nehmen zu – reift der Gedanke an eine Auswanderung nach Nordamerika und die Kolonie dem Erdboden gleich zu machen als letzte Lösung. Noch Jahre danach versucht die Gemeinde, ...die Kosten der Aufhebung der Colonie, welche nach Abzug des Erlöses der auf den Abbruch veräußerten Colonisten Wohnungen etwas über 12.000 Thaler betragen, durch Holzfällungen im Gemeinde Wald aufzubringen.
 

Aufsatz aus dem Jahrbuch des Kreises Trier-Saarburg 2002
Im Verlag Alta Silva erschienen: 1250 Jahre Mehring. Ein Szreifzug durch die Geschichte eines Winzerdorfes an der Mosel, Kell am See 2002